Beten und Wunder tun

Pfarrerin Dorothee Wüst
Pfarrerin Dorothee Wüst

Andacht zum 19. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Dorothee Wüst

Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn. Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

Markus 1, 32–39

Der Abend senkt sich über Kapernaum. Normalerweise sind die Bürgersteige längst hochgeklappt. Aber nicht an diesem Abend. Denn noch immer spricht sich herum, dass da einer ist, der Wunder tut, der heilen kann. Und so machen sie sich auf zu dem Haus, wo er sein soll. Hier tastet sich einer vorwärts, der von Geburt an blind ist. Und der hier humpelt auf seinen Krücken so schnell er kann. Direkt vor der Tür wartet eine Familie mit ihrem Sohn, der Stimmen hört und um sich schlägt.

Ich stehe an einer Straßenecke und beobachte das Treiben. Einer nach dem anderen verlässt das kleine Haus. Verändert, verwandelt, verwundert. Die Stunden verstreichen. Plötzlich regt sich etwas an der Hintertür. Eine Gestalt verschwindet einsam in den Schatten der Nacht. Irgendwann kommen Männer aus dem Haus, seine Freunde, wie es aussieht. Einer beschwichtigt die Wartenden vor der Tür, die anderen schwärmen aus. Ich schwärme mit, husche von Baum zu Baum. Längst haben wir Kapernaum hinter uns gelassen. Es ist still hier. Im Zwielicht der Morgendämmerung sehe ich eine Gestalt, ganz in sich versunken hockt da Jesus von Nazareth. Schläft er? Nein, halt, er murmelt leise vor sich hin. Er betet.

Wie kann er hier sitzen und beten? Er muss doch wissen, dass sie auf ihn warten. Sie stehen vor der Tür, warten auf Heilung. Hört er nicht ihr Rufen, spürt er nicht ihre Bedürftigkeit, lässt ihn ihre Hoffnung kalt? Er sollte in Kapernaum sein und Wunder tun, Rettung bringen, Menschen heilen. Beten – reine Zeitverschwendung.

Seine Freunde sehen das ähnlich. Jedermann sucht dich, sagen sie leicht vorwurfsvoll. Sie wenden sich zum Gehen, erwarten, dass er mit ihnen geht. Zurück nach Kapernaum. Aber er wird nicht zurückgehen. Er wird weiterziehen. In andere Dörfer und Städte, wo Menschen auf ihn warten. Und die in Kapernaum? Da haben wohl manche Glück gehabt und andere nicht. Ich stehe hinter meinem Baum und schüttele den Kopf. Merkwürdiger Messias. Merkwürdige Geschichte.

Wie so viele andere Geschichten auch, die man über Jesus aus Nazareth erzählt. Einmal mehr tut Jesus nicht, wie er soll. Wenn es nach den anderen, wenn es nach mir ginge, dann hätten die Wunder kein Ende. Dann wäre er in Kapernaum geblieben, bis auch der letzte Mensch gesund und munter sein Leben hätte leben können. Dann hätte er meinetwegen weiterziehen können. Um dasselbe an einem anderen Ort zu tun. Wunder über Wunder, Jahr um Jahr. Aber so geschieht es nicht. Weil die vielen kleinen Wunder doch nur Zeichen sind für das große Wunder. Und das ist dieser Jesus selbst. Gekreuzigt, gestorben und begraben. Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Aufgefahren in den Himmel. So geschieht es. Weil Jesus eben nicht tut, wie ich will, sondern wie Gott will. Und woher weiß er, was Gott von ihm will?

Das eröffnet sich ihm im Gebet. Die spektakulären Stunden mit Wundern und Heilungen sind nur die eine Seite der Medaille. Die stillen Minuten im Gebet sind eindeutig die andere. Und der Evangelist Markus erzählt sehr bewusst einerseits von einem Heiland, der Wunder tut, und andererseits von einem Heiland, der einsam und allein betet. Denn beides ist notwendig.

Das Gebet ist definitiv keine Zeitverschwendung. Ganz im Gegenteil. Ohne das Gespräch des Herzens mit Gott sind auch Guttaten am Ende nur blinder Aktionismus. Das wusste auch Martin Luther: „Gleich wie die Sonne in einem stillen Wasser gut zu sehen ist und es kräftig erwärmt, kann sie in einem bewegten, rauschenden Wasser nicht deutlich gesehen werden. Darum, willst du erleuchtet werden durch das Evangelium, so gehe hin, wo du stille sein und das Bild tief ins Herz fassen kannst. Da wirst du finden Wunder über Wunder.“

Längst bin ich nicht mehr hinter meinem Baum nahe Kapernaum. Ich bin wieder in meiner Zeit, in meiner Welt. Die ist auch voll von Elenden und Siechen, von Kranken und Verlorenen. Als Kirche Jesu Christi tun wir vielleicht keine Wunder, aber doch unser Bestes, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Wir tun das Tag für Tag nach bestem Wissen und Gewissen. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere ist nun eben das Gebet, die verinnerlichte Gottesbeziehung. Jesus hat sich dafür Zeit genommen. Immer wieder. Tun wir das auch? Wie ist es um unsere protestantische Spiritualität bestellt? Pflegen wir unsere Gesprächskultur mit Gott, lassen wir uns von einer lebendigen Beziehung mit ihm leiten? Oder veräußern wir uns in Aktionismus bis zur geistlichen Erschöpfung? Sind wir mit dem, was wir tun, tatsächlich bei dem, in dessen Namen wir es tun? Diese Fragen nehme ich mit aus Kapernaum. Und wie komme ich zu Antworten? Im Gebet. Indem ich „stille werde und das Bild tief ins Herz fasse“. Und wenn Luther recht hat, finde ich Wunder über Wunder.

Dorothee Wüst ist Dekanin in Kaiserslautern und Mitglied der Kirchen­regierung der ­Evangelischen ­Kirche der Pfalz.

Gebet

Herr, ich danke dir für diesen neuen Tag. Hilf mir, deinen Willen zu erkennen und zu tun. Gib mit Kraft für die Aufgaben, die mir gestellt sind. Gib mir Mut für die Schritte, die ich gehen muss. Gib mir Liebe zu den Menschen, die mir begegnen. Lass mich deine Nähe spüren und begleite mich in allem, was heute geschieht. Amen.

 

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